Der Lebenslauf ist das Schlüsseldokument der allermeisten Bewerbungen. Denn kein anderer Bestandsteil hat die gleiche Relevanz für die Frage, ob ein Bewerber in ein Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht.

Dem Arbeitsmarkt, zumindest in Deutschland, ging es schon einmal deutlich besser. Nach über zwölf Jahren eines starken Arbeitnehmermarkts ist in immer mehr Branchen die Bewerberdichte auf freie Stellen angestiegen. Berufseinsteiger trifft es gerade besonders hart. Bei größer werdender Konkurrenz können Arbeitgeber grundsätzlich wieder wählerischer werden, was sie sich lange kaum leisten konnten. Und deshalb sind sehr gute Bewerbungsunterlagen für alle, die sich beruflich verändern wollen, wichtiger als je zuvor.
Ihr wichtigster Bestandteil ist und bleibt der Lebenslauf. Zu meinem größten Bedauern hat das Anschreiben an Bedeutung verloren. In Stellenanzeigen steht immer öfter, dass es für eine Bewerbung gar nicht erforderlich ist. Das führt schon fast zwangsläufig dazu, dass der Lebenslauf oft die einzige Grundlage für die Entscheidung des Arbeitgebers ist, sich mit einem Bewerber weiter zu befassen oder eben nicht. Selbst wenn Anschreiben noch versendet werden, steht und fällt die Entscheidung in aller Regel mit dem Lebenslauf.
Bei der Qualität des Lebenslaufs kommt es auf zwei wesentliche Faktoren an. Am Anfang steht der optische Gesamteindruck. Routinierte Personaler können in fünf Sekunden erkennen, ob es sich lohnt, sich weiter mit dem Lebenslauf zu befassen oder nicht. Zu diesem Gesamteindruck zählt das Design der Unterlagen, Übersichtlichkeit und Lesefreundlichkeit, etwaige Fehler (in Rechtschreibung, Grammatik, Formatierung) und vor allem das Bewerbungsfoto.
Nichts ist so wirkmächtig wie das Bewerbungsfoto
Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Menschen achten auf Fotos, auch und gerade bei Bewerbungen. Wer als Bewerber kein Foto versendet, verzichtet freiwillig auf das wirkmächtigste nichtinhaltliche Argument, das eine Bewerbung überhaupt haben kann. Ja, schöne Menschen haben es fast immer leichter, was am sogenannten Heiligenscheineffekt liegt. Demnach führt optische Attraktivität zu Sympathie, was unbewusst zu der Annahme führt, die Person sei für die Position geeignet. Leider funktioniert das mit dem Teufelshörnereffekt auch umgekehrt.
Gute Bewerbungsfotos öffnen Türen – und kosten Geld, seien sie traditionell bei einem Profi-Fotografen oder modern durch KI erstellt. Eine überzeugende bildliche Darstellung der Person ist eine, die die besonderen Attribute und Eigenschaften unterstreichen, für die der Bewerber stehen und wahrgenommen werden möchte. Selbst in unseren ach so modernen Zeiten gilt: Wenn in einer Stellenanzeige steht Bitte verzichten Sie auf ein Bewerbungsfoto sollten Sie in jedem Fall ein Foto mitschicken. Nur bei Formulierungen wie Bewerbungen mit Bewerbungsfoto können nicht berücksichtigt werden sollten Sie anders handeln.
Wenn der Sekunden-Test bestanden wurde, nehmen sich viele Recruiter dann ein paar Minuten Zeit für die inhaltliche Begutachtung des Lebenslaufs. Egal ob implizit oder explizit arbeiten sie dabei eine Checkliste ab. Die KI macht es übrigens genauso. Diese Checkliste basiert auf dem internen Stellenprofil, das wiederum in weiten Teilen die Stellenanzeige bedingt. Das ist sehr häufig konsistent und verlässlich, vielleicht abgesehen von Diskriminierungstendenzen und absichtlichen Fake-Anzeigen. Für Bewerber bedeutet das, dass ein Arbeitgeber in der Tat nach dem sucht, was in der Stellenanzeige erläutert wird. Das hört sich zunächst banal an, aber in der Praxis erlebe ich es immer wieder, dass diese Erkenntnis nicht konsequent umgesetzt wird.
Sie müssen die Stellenanzeige und Ihren Werdegang interpretieren
Eine Stellenanzeige ist in weiten Teilen eine Bestellliste (Das will ich haben!), die ein sehr guter Bewerber abzuarbeiten hat. Das bedeutet, dass die Schlüsselbegriffe der Stellenanzeige zunächst erkannt und dann im Lebenslauf gespiegelt werden – und zwar wortwörtlich. Bitte umschreiben Sie niemals diese Begriffe, denn Personaler verfügen oft nur über sehr bedingte technische Kenntnisse. Zwangsläufig halten sie sich an den Begriffen fest, die die Fachvorgesetzten definiert haben, ohne sie selbst vollständig zu begreifen. Es ist daher unwahrscheinlich, dass Recruiter in all der Hektik Ihre Umschreibung zurückübersetzen und dadurch korrekt interpretieren.
Apropos Interpretation: Auch der eigene Werdegang muss bei vielen Bewerbungen häufig neu ausgelegt werden. Auf die typische Bewerberhaltung Das habe ich doch bisher gar nicht gemacht entgegne ich dann in meinem Bewerbungscoaching mit meiner Gebetsmühle Nummer eins Doch, in einer gewissen Form haben Sie das bereits gemacht. Das zu erkennen ist mitunter harte Arbeit und bedarf häufig den professionellen Blick von außen. Wichtig ist mir nur dabei, Bewerber überzeugend darzustellen, ohne dabei zu übertreiben oder glatt zu lügen.
Je mehr Schlüsselbegriffe der Stellenanzeige – zu finden meist in den Rubriken Aufgaben und Ihr Profil – Sie in Ihrer Bewerbung spiegeln, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Und je mehr Sie davon in Ihre aktuelle/letzte und vorletzte Position packen, desto überzeugender wirken Sie. Das ist auch der wesentliche Grund für den antichronologischen Lebenslauf: Das wichtigste steht oben, wird dadurch sichtbarer und auch gelesen. Fokussieren Sie sich dabei ausschließlich auf die sogenannten Hard Skills, weil einzig die in dieser Phase des Personalauswahlverfahrens relevant sind.
Wie Sie mit einem Profil den Lebenslauf aufwerten
Problematisch wird es, wenn Bewerber über Kenntnisse verfügen, die sie bisher in der Berufspraxis nicht nachgewiesen haben. In solchen Fällen empfehle ich ein Kurzprofil als erster Abschnitt des eigentlichen Lebenslaufs. Dort sollten als Zusammenfassung die wichtigsten fünf bis sieben Punkte stehen, die für Ihre fachliche Qualifizierung sprechen. Auch Argumente für Ihre persönliche Eignung können einfließen, aber nachrangig und auf keinen Fall durch ein Sammelsurium kaum verbindlicher Soft Skills.
Varianten dessen sind ein fachliches Profil oder Portfolio, das dem Lebenslauf als eigenständige Dokumente vorangestellt werden. Gerade bei Top-Jobs mit viel Verantwortung und attraktiver Vergütung sollte es auch tatsächlich etwas mehr sein. Wie so etwas aussehen kann, habe ich hier bereits beschrieben. Eine sehr gute Übersicht besteht jedenfalls nicht aus den Dingen, die Sie bisher gemacht haben. Sondern aus Ihren stellenrelevanten Kompetenzen und Erfolgen.
Wenn möglich, sollten Erfolge und Verantwortung auch im Lebenslauf explizit benannt und im besten Fall mit Zahlen untermauert werden. Wer Geschäftsgeheimnisse wahren muss, kann auf Formulierungen wie Budgetverantwortung bei über 100.000 Euro p.A. (besser als im sechsstelligen Bereich) oder Steigerung des Umsatzes von mehr als 75 Prozent in den ersten beiden Geschäftsjahren zurückgreifen. Wer das nicht sicher sagen kann, darf schätzen. Die Führungsverantwortung sollte ebenfalls durch die Anzahl der Mitarbeiter und Vollzeitäquivalente beziffert werden.
Maßgeschneiderte Qualität kommt vor belanglosen Massenbewerbungen
Weil Stellenanzeigen mitunter stark variieren, bedeutet das zwangsläufig, dass Bewerber sowohl das Profil als auch den Lebenslauf stets individuell auf die jeweilige Stelle hin angassen müssen. So gleicht kein Lebenslauf mehr dem anderen. Das macht zwar Arbeit – manchmal reichen 15 Minuten, hin und wieder dauert es auch zwei Stunden –, aber die maßgeschneiderte Bewerbung mit dem passgenauen Lebenslauf ist sozusagen alternativlos.
Wer inklusive Stellenrecherche und Stellenanalyse auf fünf Bewerbungen pro Woche kommt, hat damit alle Hände voll zu tun. Noch mehr zu machen ist kaum möglich und auch nicht empfehlenswert, sonst ist Misserfolg vorprogrammiert. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an einen Kunden, der mir vor einigen Jahren schon fast verzweifelt sagte:
„In den letzten beiden Monaten habe ich 80 Bewerbungen geschrieben und wurde kein einziges Mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Herr Karbaum, ich weiß nicht mehr, was ich noch machen soll.“
Meine kurze Antwort als Einstieg in das Gespräch war:
„Sie sind nicht arbeitslos, obwohl Sie 80 Bewerbungen geschrieben haben. Sondern Sie sind arbeitslos, weil Sie 80 Bewerbungen geschrieben haben.“
Fach- und Führungskräfte sollten im Zweifel stets auf Klasse vor Masse setzen. Noch besser ist der Anspruch Quantität in Qualität. Das gilt in erster Linie für den Lebenslauf. Und dabei ist es gleich, ob Sie sich mit KI behelfen oder nicht.


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