Gerade jetzt! Veränderungen als Chance begreifen

Auf der emotionalen Ebene empfinden viele Menschen in Deutschland Veränderungen oft eher als Bedrohung. Dabei erleben wir gerade intensiver als je zuvor, dass nur wenig so gefährlich sein kann wie mangelnde Veränderungsbereitschaft.

Es wird ein ungemütlicher Winter, sagt die Kanzlerin. Wenn das wirklich alles wäre! Die Deutschen, ein sehr auf Sicherheit („Vollkaskomentalität“) bedachtes Kulturvolk in der Mitte Europas, schwant bereits, dass die mit der Pandemie zusammenhängenden Veränderungen grundlegend und nachhaltig sein werden. Noch einmal Augen zu und durch reicht sicher nicht. In dieser Situation verunsichert zu sein ist daher vielleicht nachvollziehbar – aber sicherlich nicht der beste Ratgeber.

Verändern bedeutet, anders zu denken und zu handeln

Im April, die Lage war mit der jetzigen durchaus vergleichbar, ließ ich mich zu der Kunst aus, zuversichtlich zu bleiben. Daran anknüpfend möchte ich nun hinzufügen, dass Veränderungen viel leichter zu bewältigen sind, wenn sie unaufschiebbar eingefordert werden. Denn die wirtschaftlichen Konsequenzen (neben den elementar gesundheitlichen und sozialen) sind für einige ultimativ existenzbedrohend. Trotzdem liegt es in der Natur vieler Menschen in Deutschland, Veränderungen bis zum letzten Moment aufzuschieben.

Dabei geht es auch umgekehrt, die gegenwärtige Krise kennt auch Gewinner. Ich meine aber nicht die windigen Gauner, die angebliche Covid-19-Testkits und Masken für horrende Preise verhökern. Sondern Personen, die es geschafft haben, sich schnell auf die neuen Herausforderungen im Erwerbsleben einzustellen. Das setzt die grundsätzliche Bereitschaft voraus, anders zu denken und zu handeln, als man es bisher getan hat. Flexibilität bedeutet also, liebgewonnene Gewissheiten in Frage zu stellen und gegebenenfalls sogar eigene Glaubenssätze über Bord zu werfen. Das tut manchmal richtig weh, könnte mit einem neutralen Blick von außen aber vielleicht etwas leichter fallen.

Wider Denkfaulheit und Behäbigkeit

Ich bin trotzdem immer wieder erstaunt, warum auch viele gut ausgebildete Menschen sich an ihre Vorstellungen klammern anstatt sie souverän zu hinterfragen. Dabei werden Veränderungen nicht nur durch die Pandemie, sondern auch durch die dauerhafte Digitalisierung fast aller Arbeitsbereiche zur permanenten Zwangsläufigkeit. Schon fast paradox muten dagegen die vielen Menschen an, die nur die eigene Perspektive als legitim erachten und nicht bereit sind, auch nur ein Jota davon preiszugeben. Was für politische Debatten auf Social Media gilt, ist auch im Berufsleben bei den notorischen Bedenkenträgern zumindest in abgespeckter Form beobachtbar. Killerphrasen wie „Das haben wir hier schon immer so gemacht“ oder „Das kann doch gar nicht funktionieren“ kennt sicher jeder von uns zu genüge.

Kein Wunder also, dass Veränderungen dem Deutschen die größten Feinde sind. Menschen vieler anderer Länder und Kulturen gehen mit ihnen dagegen meist deutlich entspannter um. Über den Tellerrand zu schauen könnte daher auch in diesem Fall durchaus hilfreich sein. Oder wir räumen sofort ein, dass Denkfaulheit und Behäbigkeit wesentliche negative Eigenschaften sind, die viele fundamental hemmen. Und beginne, Veränderungen als Chance zu begreifen oder zumindest als Notwendigkeit, die es aktiv zu gestalten gilt.

Veränderungen gedanklich zulassen anstatt auszuschließen

Die erste Aufgabe lautet also, sich selbst zu öffnen und Veränderungen als Möglichkeit zuzulassen. Viele große Unternehmen sind schon untergegangen, weil sie genau das nicht hinbekommen haben. Oder zu langsam. Auch die Ursache für Erwerbslosigkeit kann im strukturellen Denken und Handeln liegen. Reflexartig wird dann meist auf Rahmenbedingungen verwiesen, die so und so gegeben sein müssten – obwohl die betroffene Person diese gar nicht selbst beeinflussen kann. Es ist immer schön, wenn man wählerisch sein kann. Manchmal geht das aber nicht, gerade in Krisenzeiten. Dann wäre es sinnvoller, bei sich selbst anzufangen und sich zu fragen: Was kann ich eigentlich ändern? Wie kann ich mich ändern? Wo bin ich kompromissbereit?

Das betrifft gleich mehrere Dimensionen. Zuerst bezieht es sich auf die eigenen Ziele und Motive im (Berufs-)Leben. Nicht alles, was mir wichtig ist, kann ich auch erwarten zu bekommen. Und die aktuelle Krise zeigt uns, dass sich Prioritäten auch schlagartig verändern können. Was uns gestern noch heilig war, könnte heute schon angesichts fehlender wirtschaftlicher und finanzieller Sicherheit als Luxus angesehen werden. Das dürfte nicht zuletzt analog Berufstätige und die Generation Z und ihre mitunter etwas seltsamen Anschauungen von Arbeit und Beruf betreffen.

Die inneren Gegner der Veränderungsbereitschaft

Darüber hinaus betrifft die eigene Veränderungsbereitschaft natürlich auch unsere überwiegend fachlichen Kompetenzen. Viele Menschen bringen eine gut entwickelte Lernbereitschaft mit. Einige verfügen sogar über die Fähigkeit, sich Wissen eigenständig aneignen zu können – jedenfalls bescheinigt ein Hochschulabschluss diese Schlüsselkompetenz. Sie ermöglicht uns, sehr viele neue Ziele zu erreichen. Denn wenn eine berufliche Veränderung den Erwerb neuen Wissens voraussetzt, dann ist genau diese Hürde meist die kleinste.

Andere sind schon schwieriger zu überwinden. Mangelnde Motivation und Unlust sind jedenfalls die Grundnahrungsmittel des inneren Schweinehundes, den es hier zu überwinden gilt. Darüber hinaus kann uns eine falsche Prioritätensetzung im Weg stehen, wenn Weitblick gefragt ist – Stichwort Hamsterrad. Auch Selbstüberschätzung und Überheblichkeit sind keine guten Ratgeber, wenn Veränderungen anstehen.

Veränderungen beginnen mit Selbsterkenntnis

Wie auch immer: Machen Sie sich bewusst, was Ihrer Veränderungsbereitschaft entgegensteht. Sehr oft ist es eine Form der emotionalen Überforderung, die eine konkrete Ursache hat. Die damit gewonnene Erkenntnis ist bereits der halbe Weg zum Erfolg. Oder zur Vermeidung von Misserfolg, ganz wie man will. Denn häufig ist es doch so, dass Veränderungen von außen regelrecht erzwungen werden. Daher werden wir gar nicht von den Veränderungen selbst, sondern von den sich ändernden äußeren Bedingungen bedroht!

Wenn wir nicht Schritt halten, könnten die Konsequenzen gravierend sein. Nach der Pandemie ist vor der nächsten Digitalisierungswelle. Und je größer dieser Druck von außen wird, desto notweniger werden Veränderungsbereitschaft sowie kognitive und emotionale Flexibilität. Das fordert uns allen viel ab – einigen wird es sicherlich leichter fallen, anderen schwerer.

Ich möchte es Ihnen selbst überlassen zu beurteilen, wie gut uns Veränderungen gerade in Staat und Gesellschaft gelingen. Vergessen Sie dabei aber nicht sich selbst. Und bleiben Sie gesund.

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