Mobbing am Arbeitsplatz – Erkennen, Vermeiden, Bekämpfen

Worüber bloggen angesichts der fürchterlichen Verbrechen, denen die Ukraine seit 24. Februar ausgesetzt ist? Mobbing soll nun das Thema sein. Denn auch hier geht es um die Fähigkeit, sich effektiv gegen schwere Angriffe zu wehren.

Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“  Bertolt Brecht, An die Nachgeborenen

Was ist Mobbing? Gängige Definitionen verweisen vor allem auf das wiederholte und regelmäßige, vorwiegend seelische Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine beliebige Art von Gruppe oder Einzelperson. Entscheidend ist dabei, dass sich die Handlungen wiederholen müssen, um der Definition zu entsprechen. Einzelne, auch heftige Konflikte erfüllen dieses Kriterium nicht. Daher ist es wichtig, den Begriff Mobbing nur auf ganz bestimmte Dynamiken hin anzuwenden und ihn nicht inflationär zu verwenden.

Mobbing kann anfangs kaum erkannt werden

Insofern wird deutlich, dass die meisten Mobbingopfer erst in der Retrospektive erkennen, dass sie Mobbing ausgesetzt sind. Denn wer plötzliche Spannungen mit seiner Führungskraft oder den „lieben“ Kollegen wahrnimmt, kann das noch gar nicht als Mobbing erkennen. Die damit zusammenhängenden Prozesse spielen sich auch eher über Monate und keinesfalls nur über Tage ab. Genau das macht es so schwer, sich bereits von Beginn an effektiv gegen Mobbing zu wehren.

Es gibt sogar Menschen, die überhaupt nicht erkennen, dass sie gemobbt werden. Klar, wer offen schikaniert, beleidigt und drangsaliert wird, hat eher weniger Schwierigkeiten, die Angriffe auf die eigene Person korrekt zu deuten. Das wirklich perfide Mobbing jedoch findet im Hintergrund statt, in denen Erwerbstätigen nachhaltig das Selbstwertgefühl geraubt wird. Mitunter kann es sogar zu mehrjähriger Arbeitsunfähigkeit führen.

Ernste Anzeichen

Das perfide am Mobbing dieser Art ist, dass die betroffene Person glaubt, es läge an ihr, dass sie bei beruflichen Aufgaben versagt:

  • Aufgaben werden falsch bearbeitet, weil wichtige Informationen vorenthalten wurden (ohne dass dies auch nachher offensichtlich wird)
  • Die Arbeit wird manipuliert (durch den nachträglichen Einbau von Fehlern)
  • Arbeitsmaterialien und -werkzeuge werden verlegt.

Ein weiterer Aspekt sind Veränderungen in der Kommunikation:

  • Gespräche verstummen, wenn die gemobbte Person zu einem Personenkreis hinzukommt
  • Gesprächsinhalte werden in der Gegenwart der gemobbten Person verändert, zum Beispiel um ihr vergiftete Ratschläge zu geben, sie gegen andere aufzuwiegeln oder sie indirekt einzuschüchtern („Der Kunde ist wirklich schwierig und beschwert sich schon bei Kleinigkeiten“; „An der Aufgabe haben sich schon deine Vorgänger die Zähne ausgebissen“)
  • Kritik wird kaum oder nur sehr subtil geäußert (meist jedenfalls nicht destruktiv), dagegen dominieren im Verhältnis zur gemobbten Person gespieltes Verständnis und angebliche Besorgnis.

Erwerbstätige, die über einen längeren Zeitraum derart manipuliert werden, fangen dann an, sich Gedanken zu machen. Entlarvende Sätze, die Erwerbstätigen dann durch den Kopf gehen und die auf Mobbing hindeuten können (nicht zwangsläufig müssen), sind:

  • „Ich mache zu viele Fehler.“
  • „Damit bin ich einfach überfordert.“
  • „Ich kann das nicht.“
  • „Es liegt an mir.“

Perfektionismus und übersteigerte Selbstoptimierung sind Nährböden für Mobbing

Potentielle und tatsächliche Opfer sind meistens Personen, die sich nicht wehren (können). Gefährdet sind aber auch Persönlichkeiten, die sehr selbstkritisch sind, zur übersteigerten Selbstoptimierung neigen und oder perfektionistisch veranlagt sind. Kein Wunder also, dass nicht selten hochmotivierte Absolventinnen und Absolventen von Mobbing bedroht sind, wenn sie bei einem starren, unflexiblen Arbeitgeber mit bedingt leistungsfähigen, dafür besitzstandswahrenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihre Karriere beginnen.

Viele, die sich nicht wehren, kommen irgendwann zu der falschen Erkenntnis, dass sie selbst nicht leistungsfähig sind. Dass sie unfähig sind, ihren Job auszuüben. Dass sie eine Belastung für das gesamte Team darstellen. Entweder sie kündigen dann selbst. Oder sie werden gekündigt und nehmen die Kündigung wie eine Befreiung auf. Danach steht aber in der Regel kein neuer Job, sondern ein sehr tiefes, langgezogenes Tal – sprich eine längere Phase der Arbeitslosigkeit, hervorgerufen durch das abhandengekommene Selbstwertgefühl. Mobbing verursacht durch die langfristige Wirkung daher sehr schwere Schäden an Menschen.

Zeigen Sie, dass Sie kein leichtes Opfer sind

Sich dagegen effektiv zu verteidigen, ist daher überaus notwendig, nur – zugegeben – leider alles andere als einfach. Das liegt daran, dass jede Situation ihre Besonderheiten hat, die es in der Gesamtschau zur Entwicklung einer erfolgversprechenden Verteidigungsstrategie zu berücksichtigen gilt. Daher ist es fast immer empfehlenswert, sich mit jemanden dazu auszutauschen, der sich mit Mobbing auskennt. Damit möchte ich es an dieser Stelle aber natürlich nicht belassen und erläutere gerne ein paar allgemeine Gegenstrategien.

„Starke“ Persönlichkeiten haben es etwas leichter. Sie sollten reflektieren, warum sie (im Selbstbild) nicht (mehr) erfolgreich sind, gewisse Aufgaben nicht zufriedenstellend lösen und sich Fehler in die tägliche Arbeit einschleichen – „ich kann es mir nicht erklären“ könnte ein Signal für Mobbing sein. Starke Persönlichkeiten sollten dann durch Handlungen und Kommunikation zeigen, dass sie keine leichten Opfer sind. Das bedeutet, dass sie

  • in bestimmten Situationen keine Fehler bei sich sehen dürfen – selbst wenn da welche sind – und die Verantwortung dafür woanders verorten oder den Kontext erweitern („Wissen Sie eigentlich, was ich gerade alles zu tun habe? Offensichtlich nicht, sonst würden Sie mich nicht auf eine solche Kleinigkeit ansprechen!“)
  • anderen schon bei Kleinigkeiten rote Linien aufzeigen (wehret den Anfängen)
  • Kritik von bestimmten Personen bzw. in bestimmten Situationen abbügeln und sofort in den Gegenangriff gehen – vor allem, wenn sie vor anderen, zum Beispiel in einem Team-Meeting, unerwartet attackiert werden
  • andere auf kleine Fehler ansprechen – mal sachlich, mal vorwurfsvoll
  • kleinere Konflikte provozieren, allerdings nicht in der Gruppe, sondern einzeln; Täter, die in Gruppen agieren, sollten nur isoliert adressiert werden.

Schreiben Sie ein Mobbing-Tagebuch

Die „einfachste“ Lösung ist daher: Seien Sie eine starke, wehrhafte Persönlichkeit! Tatsächlich reichen diese Tipps häufig aus, um eben nicht Mobbing-Opfer zu werden. Weniger selbstbewusste Persönlichkeiten sollten Mobbing dokumentieren. Ich empfehle, ein sogenanntes Mobbing-Tagebuch zu führen, in dem sie zeitnah ihre gesammelten Eindrücke niederschreiben. Das ist eine wichtige Voraussetzung, bevor sie sich an einen erfahrenen Coach, eine Vertrauensperson oder an eine Führungskraft wenden.

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