Ist BANI mehr als nur das neuste Buzzword von Resilienzcoaches? Zumindest hilft der Ansatz zu verstehen, warum sich immer mehr Erwerbstätige überfordert fühlen.

Angeblich ist die Welt nicht mehr VUCA, sondern BANI. Das Akronym steht für Brittle (brüchig), Anxious (ängstlich), Non-linear (nicht-linear) und Incomprehensible (unverständlich). Der dahinterstehende Ansatz – ein kohärentes Konzept ist es freilich nicht – geht auf den US-Autor und Futuristen Jamais Cascio zurück, der im April 2020 unter den Eindrücken der gerade aufziehenden Pandemie den Artikel „Facing the Age of Chaos” veröffentlichte. Darin schlug er den BANI-Framework als Fortsetzung oder Ersatz für das VUCA-Konzept vor.
Kurz zur Erinnerung: VUCA wurde Mitte der 1980er Jahre von amerikanischen Sicherheitsexperten entwickelt und steht für Volatility (Unbeständigkeit), Uncertainty (Unsicherheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit). Es sollte in wenigen Worten die fragile Realität der Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs beschreiben und fand viele Anhänger in den amerikanischen Management Schools. So entstandt die durch die aufziehende Globalisierung immer stärker geprägte „VUCA-Welt“.
Warum VUCA an Aussagekraft verloren hat
Allerdings ist das schon eine gefühlte Ewigkeit her und scheint nicht mehr vollends unsere hochdynamische, von Digitalisierung, Automatisierung und künstlicher Intelligenz geprägte Epoche zu spiegeln. Doch der Erklärungsrahmen von VUCA hat auch deshalb an Aussagekraft verloren, weil er inzwischen fast jede Entwicklung beschreibt und daher wenig unterscheidende Erkenntnis liefert. Denn wir leben nicht nur in einer unruhigen Welt, sondern in einer Ära chaotischer Bruchlinien, die sich nicht mehr mit herkömmlichen Sinn- und Analysewerkzeugen erfassen lässt.
Unsere üblichen Methoden zur Strukturierung von Unsicherheit – Institutionen, Normen, Strategien – wirken zunehmend unzureichend angesichts der heutigen Krisenlagen. Diese Krisen entspringen globalen Trends (Kriege, Naturkatastrophen, gesellschaftliche Spaltungen, technologischer Fortschritt) und können Menschen potentiell oder tatsächlich – oftmals eher emotional als rational – überfordern. Auf der individuellen Ebene werden Resilienz und Anpassungsfähigkeit nur noch als unzureichend wahrgenommen. Das greift die menschliche Psyche an, in ihrer extremsten Form als Angststörungen, Despressionen und andere Krankheitsbilder.
Die wesentlichen Annahmen des Jamais Cascio
Cascio schlägt nun das BANI-Modell vor als neuen Ansatz vor, um das Chaos der heutigen staatlich-gesellschaftlichen Realität einzuordnen:
- Brittle (brüchig, spröde): Systeme wirken stabil, brechen aber plötzlich und katastrophal zusammen. Das kann Staaten wie Aktienmärkte betreffen, aber auch Branchen, Unternehmen und Geschäftsmodelle, mitunter rasend schnell und ohne Vorwarnung.
- Anxious (ängstlich): Gesellschaft und Individuen erleben permanente Angst und Überforderung, was Entscheidungsfähigkeit und Resilienz schwächt. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO lebten 2024 eine Milliarde Menschen mit psychischen Störungen wie Angstzuständen (plus 14% seit 2019). In dieser Befragung gaben außerdem 39% der Erwachsenen weltweit an, am Vortag viel Sorge oder Stress empfunden zu haben.
- Non-linear (nichtlinear): Kaum zu prognostizierende Ursache-Wirkungsketten wurden uns zuletzt durch die Pandemie, in deren Zeit BANI entstand, schonungslos aufgezeigt. Ähnlich verhält es sich mit einer steigenden Anzahl politischer Ereignissedem, beim Klimawandel und – am radikalsten – in einer von KI dominierten (Arbeits-)Welt.
- Incomprehensible (unverständig): Komplexität übersteigt unsere kognitive Kapazität; mehr Daten schaffen nicht automatisch mehr Verständnis, sondern stiften eher Verwirrung. Immer mehr Menschen sehnen sich deswegen nach einfachen (politischen) Antworten.
Durch BANI werden Angst und Überforderung zum Teil der Systemrealität
Damit gelingt Casico eine treffende Beobachtung sozialer und technologischer Dynamiken: Er identifiziert real existierende Phänomene, etwa die Fragilität globaler Lieferketten, die durch KI ausgelöste Disruption oder die Durchlässigkeit von Demokratie gegenüber Desinformation, die im Alltag spürbar geworden sind. Auch die VUCA-Kritik scheint plausibel: Viele Organisationen und Entscheidungsträger empfinden VUCA als zu generisch, weil es wenig praktische Unterscheidungskraft besitzt.
Besondere Relevanz erhält BANI allerdings durch die Betonung der psychologischen Dimension. Der Fokus auf Angst und Überforderung als Teil der Systemrealität ist eine wichtige Ergänzung, die nicht nur technische Strukturen, sondern auch subjektive Erfahrungen adressiert. Doch BANI bleibt an dieser Stelle ein Beschreibungsrahmen und entwickelt keine konkreten Lösungsansätze. Obwohl Cascio mögliche Reaktionen wie Resilienz, Empathie oder Transparenz erwähnt, fehlen konkrete Strategien, wie Individuen, Organisationen oder Staaten tatsächlich resilienter werden.
BANI bietet selbst keine Lösungsstrategien an…
Ein weiterer Kritikpunkt besteht in den zu allgemeinen Aussagen über „Unverständlichkeit“. Die Idee, dass mehr Daten zu weniger Verständnis führen, greift zu kurz. Denn sie übersieht, dass Missverständnisse oft durch schlechte Analyse, nicht durch die Datenmenge selbst verursacht werden. Außerdem kann der Determinismus der Kategorien bemängelt werden. Indem die Welt als grundsätzlich „chaotisch“ charakterisiert wird, besteht die Gefahr, reale Trends zu übergeneralisierten Katastrophenszenarien zu verflachen, etwa indem langfristige Strukturveränderungen mit reinem Chaos gleichgesetzt werden.
Denn die Betonung von Chaos und Unverständlichkeit riskiert, eine Ohnmachts- und Passivitätslogik zu verstärken, weil keine Lösungsstrategien angeboten werden, die über die bloße Begriffsbildung hinausgehen. BANI ist daher zwar kein Lösungsmodell, kann aber dabei helfen, den überwältigenden Zustand zu benennen und zu reflektieren. Somit stellt es einen ersten Schritt zu möglichen Reaktionen und Anpassungen dar.
…aber hilft, persönliche Krisen zu verstehen
Im Job- und Karrierecoaching berührt dies überwiegend die individuelle Ebene, wo BANI berufliche Orientierungslosigkeit und persönliche Krisen begründet. Es hilft dann zu verstehen, auch wenn es selbst keinen Ausweg bietet. VUCA war da übrigens schon weiter. Es versprach ein ganzes Set an aufeinander abgestimmten Lösungsansätzen, wenn auch mit starkem (Selbst-)Management-Bezug und ohne psychologische Komponente. Insofern ist das BANI-Modell konzeptionell nicht eigenständig, sondern eine nützliche metaphorische Erweiterung des VUCA-Rahmens, um die heutige Komplexität sozialer und technologischer Veränderungen tiefer zu reflektieren.
Seine besonderen Stärken zeigt BANI im Führungskräfte-Coaching als Reflexionsinstrument. Was das im Detail bedeutet und wie Führungskräfte BANI konkret anwenden können, werde ich im kommenden Beitrag erläutern.


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