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Von der Kunst, Nein sagen zu können

Nein zu sagen oder den Fluch der guten Tat zu vermeiden fällt nicht allen Erwerbstätigen leicht. Doch wie kann man dieser Falle risikolos entkommen?

Wer den Karren am besten zieht, bekommt die schwerste Last aufgeladen – bis ihm der Rücken bricht. Diese auch als Lastesel-Paradoxon genannte Metapher kennt auch die englische Sprache: No good deed goes unpunished. Wahrscheinlich gibt es kaum etwas, das mehr demotiviert, als Nachteile aufgrund ausgeprägter Leistungsfähigkeit zu erfahren. In den passiven Widerstand zu treten und, sei es auch nur übergangsweise, „Dienst nach Vorschrift“ zu verrichten wären allerdings nicht die besten Reaktionen.

Dabei trifft es nicht nur besonders leistungsfähige, sondern auch hilfsbereite Menschen. Ich habe so einige Erwerbstätige kennengelernt, die mir gestanden, nicht Nein sagen zu können. Doch ein Ja in die eine ist immer auch ein Nein in die andere Richtung: Nein zur Selbstführsorge, Nein zur Anerkennung der Belastungsgrenze, in letzter Konsequenz Nein zur eigenen Gesundheit. Natürlich muss es nicht immer so weit kommen. Aber überall dort, wo Hilfsbereitschaft als Schwäche missinterpretiert und rücksichtlos ausgenutzt wird, sollten Beschäftigte vorsichtig sein.

Sie dürfen Kollegen und Führungskräften Nein sagen

Hinter der Fähigkeitslücke Nein zu sagen steckt oft auch der Wunsch, anerkannt zu sein, Beziehungen intakt zu halten und durch die Übernahme von zusätzlichen Aufgaben den eigenen Wert innerhalb einer Gruppe zu beweisen. Aus der psychologischen Perspektive ist ein Team wie eine Herde, die dem Individuum Schutz garantiert. Wer möchte da schon als das schwarze Schaf gelten oder, schlimmer noch, sich daneben stellen? Doch diesem inneren Impuls sollten Sie widerstehen! Jedenfalls sollten das alle beherzigen, die über ein sozial intaktes privates Umfeld mit nahestehenden Menschen verfügen. Denn die brauchen den Job nicht auch noch als Freundes- und Familienersatz.

Noch herausfordernder kann es werden, wenn das Gefühl nicht Nein sagen zu können gegenüber Führungskräften auftaucht. Denn oft existiert ein Machtgefälle durch die einseitige Weisungsbefugnis, was wiederum unbewusst zu einem Abhängigkeitsgefühl führt: Ich bin von meiner Teamleiterin abhängig, wenn ich

  • gut bewertet werden möchte.
  • eine Gehaltserhöhung bekommen möchte.
  • meinen Job behalten oder befördert werden möchte.

Argumente, die Führungskräfte überzeugen

Doch neben der Notwendigkeit, eine dauerhafte Überlastung in jedem Fall zu vermeiden, gibt es weitere Argumente für eine Ablehnung zusätzlicher Aufgaben, die Führungskräfte akzeptieren können. Das gilt vor allem dann, wenn Sie sich damit nicht auszeichnen, sprich Erfolge präsentieren, oder dadurch ein Profil in einem neuen, interessanten Themengebiet entwickeln können. Wenn also job enlargement und nicht job enrichment im Vordergrund steht. Ob Sie es glauben oder nicht, aber Sie dürfen dann

  • Aufgaben ablehnen, die nicht in Ihren Kernbereich fallen, sofern Sie nicht völlig unausgelastet sind.
  • bei dieser Gelegenheit über Ihre Erfolge und Ihre Arbeitslast sprechen.
  • auf Ihre aktuellen Kernaufgaben sowie Deadlines verweisen und, wenn Sie schon zusätzliche Aufgaben übernehmen, Ihre Prioritäten neu vereinbaren.
  • aus dem vermeintlichen Nachteil zusätzlicher Aufgaben die Chance ergreifen, Ihnen unliebsame (Routine-)Aufgaben an andere abzugeben.
  • Ansonsten Ihr Nein als etwas interpretieren, was nicht die soziale Beziehung an sich oder gar Ihren Job in Frage stellt.

Wann Zusatzaufgaben einen Mehrwert bringen

Zusätzliche Aufgaben und Projekte sind auch immer dann reizvoll, wenn sie die Möglichkeit eröffnen, neue Stakeholder – bestenfalls intern und extern – kennenzulernen. Wer dadurch sein berufliches Netzwerk jenseits der eigenen Organisationseinheit erweitern kann, wird in der weiteren Karriere in aller Regel sehr davon profitieren. Doch das fällt nicht allen gleichermaßen leicht: Weil sie das aus ihrer Komfortzone führt, sollten gerade schüchterne und introvertierte Erwerbstätige die daraus resultierenden Vorteile verinnerlichen.

Manchmal helfen allerdings selbst die besten Argumente gegenüber dem Teamleiter nicht viel weiter. Eigentlich sollte eine gute Führungskraft ja wissen, wann Belastungen einseitig verteilt sind und wie wichtig es ist, besonders leistungsfähige Mitarbeiter nicht auszuquetschen wie einen Schwamm. Doch gute Führung ist alles andere als der Normalfall. Als Coach habe ich oft zu einem Wechsel – sei es innerhalb des Unternehmens oder ganz raus – geraten, da Erwerbstätige manchmal einfach nicht in ihr aktuelles berufliches Umfeld passen. Wessen Arbeitsleistung dauerhaft quantitativ wie qualitativ über der der Kollegen steht und wer sich trotzdem nicht weiterentwickelt, ist oft am falschen Ort.

Machen Sie sich nicht abhängig von Lob und Anerkennung

Im Übrigen wird genau diesen Mitarbeitern oft auch noch die Wertschätzung vorenthalten, die sie verdient hätten. Aber man mag es kaum glauben: Umgekehrt ist es noch viel toxischer! Denn Fleißbienchen sind leicht manipulierbar, wenn man ihnen genau diese Anerkennung zollt. Wem der Honig schmeckt, der einem sozusagen um den Bart geschmiert wird, sollte ganz besonders aufpassen. Jedenfalls solange diese Anerkennung rein verbal bleibt und ohne materielle Wertschätzung auskommt.

Bitte denken Sie daran, dass die meisten Führungskräfte ganz schnell erkennen, wer Lob und Anerkennung im Berufsleben braucht wie Atemluft zum Leben. Wertschätzung wird in solchen Fällen zur Droge, die manchmal bewusst vorenthalten und dadurch zu einem Druckmittel wird. Fishing for compliments sollte daher ausschließlich im Privatleben verbleiben. Und wenn Ihre Führungskraft so tut, Sie wegen eines Neins nicht zu mögen: Dann ist das nicht Ihr Problem!

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