Karriereanker – Edgar Scheins Klassiker

Nicht wenige Psychologen prägten das Verständnis von moderner Arbeit und beruflicher Entwicklung so sehr wie Edgar Schein. Eine Würdigung anlässlich seines 93. Geburtstags am 5. März.

In unserer immer rasanteren, komplexeren und dadurch kleinteiligeren Wissenschaftswelt sind Ausnahmeerscheinungen selten geworden. Der amerikanische Psychologe Edgar Schein aus einer jüdisch-stämmigen Familie mit deutschen, ungarischen und schweizerischen Wurzeln ist einer der wenigen seines Faches, die sich aus der Masse der klugen Köpfe erkennbar abheben. Und seine Erkenntnisse helfen vielen Orientierungssuchenden bis heute, ihren Weg zu finden.

Untrennbar mit Schein verbunden ist vor allem das Konzept der Karriereanker. Da mit dem Begriff Karriere in Deutschland viele negative Assoziationen verbunden sind (wie zum Beispiel die Vorstellung einer Karriereleiter), fällt die Auseinandersetzung mit ihm traditionell überaus reserviert aus. „Ich mache doch keine Karriere“ oder „Ich habe mich gegen eine Karriere entschieden“ sind jedenfalls weit häufiger zu hören als man angesichts der Wortbedeutung vermuten darf. Denn Karriere meint nichts anderes als die persönliche Laufbahn eines Menschen in seinem Berufsleben. Insofern „macht“ jeder von uns Karriere außer vielleicht diejenigen, die dauerhaft nicht berufstätig sind.

Kompetenzen, Motive und Wertvorstellungen bilden den Karriereanker

Wenn sich Karriere also nicht vermeiden lässt, sollten wir sie so gestalten, dass sie zu uns passt. Das ist gar nicht so selbstverständlich und einfach – anhaltende berufliche Unzufriedenheit ist jedenfalls kein seltenes Phänomen und deutet auf die Setzung falscher Prioritäten hin. Entscheidend für eine Karriere, die zu uns passt, sind jedenfalls nicht nur unsere Kompetenzen (im Wesentlichen die fachlichen, persönlichen und methodischen Stärken), sondern auch unsere Motive und Wertvorstellungen, also der Kern der individuellen Persönlichkeit.

Edgar Scheins Verdienst ist es, daraus ein bis heute gültiges kohärentes Konzept geformt zu haben, das jeder Mensch als Orientierungshilfe nutzen kann. Dieses Konzept hat Schein Karriereanker genannt und acht voneinander abgrenzbare Typen – die Karrieremöglichkeiten – identifiziert. Ich halte es an dieser Stelle allerdings mit seinen Nachfolgern, die von insgesamt neun Karriereankern sprechen. Das Bild des Ankers wählte Schein übrigens deswegen, weil er den Fixpunkt der Orientierung beschreibt, an dem Menschen immer wieder festmachen. Denn selbst wenn sie eine Zeitlang in eine andere Richtung tendieren, streben sie früher oder später immer wieder zu ihrem wahren Karriereanker zurück.

Die acht bis neun Karriereanker

Und das sind sie:

  • Die technische/funktionale Kompetenz beschreibt Menschen, die sich auf ein Fachgebiet spezialisieren. Also etwa Fachärzte, Fachanwälte sowie Gutachter und Sachverständige für ein klar umrissenes Aufgabengebiet.
  • Personen im General Management sind breiter aufgestellt. Hierbei handelt es sich oft um Führungskräfte und Unternehmensberater, die vielseitig, auch in Projekten, einsetzbar sind.
  • Selbständigkeit und Unabhängigkeit ist das höchste Gut für Menschen, die nach ihren eigenen Regeln leben oder zumindest mit sehr vielen Freiheiten arbeiten wollen. Das sind am ehesten Soloselbständige und Kleinunternehmer in unterschiedlichen Berufsbereichen.
  • Eher das Gegenteil stellen Menschen dar, die nach Sicherheit und Beständigkeit Diese Einstellung ist gerade in Deutschland (immer noch) weit verbreitet. Als attraktiv werden Arbeitgeber wahrgenommen, die Sicherheit versprechen, also in erster Linie der öffentliche Dienst und Großunternehmen.
  • Unternehmerische Kreativität kann zwei Schwerpunkte aufweisen, weshalb sich die folgende Splittung anbietet:
    • Im Unternehmertum geht es darum, Geschäftsideen umzusetzen, in dem eine Organisation geschaffen und gesteuert wird. Nicht jeder Mensch geht dabei zwangsläufig kreativ vor.
    • Kreativität bezieht sich in der Tat auf kreative Berufe wie Designer in allen Facetten, die aber nicht zwangsläufig Unternehmer sind.
  • Sich in den Dienst für eine Idee oder Sache zu stellen, sich hinzugeben, ist in unserer postmaterialistischen in den letzten Jahrzehnten immer häufiger geworden. Oft ist dieser Personenkreis in sozialen Berufen und gesellschaftspolitischen Organisationen anzutreffen.
  • Die totale Herausforderung treibt in erster Linie Spitzen- und Extremsportler an. Auch Astronauten, Polizisten im Sondereinsatzkommando oder Soldaten in militärischen Spezialeinheiten fallen häufig darunter.
  • Die Lebensstilintegration schlussendlich zielt nicht nur auf Menschen ab, die in ihrer Work-Life-Balance vor allem ihr Privatleben betonen, sondern auch auf Personen mit Schwerbehinderungen oder dauerhaft Drogenabhängige. Sie alle eint, dass sie nach Tätigkeiten suchen, die mit persönlichen Ansprüchen bzw. Gegebenheiten vereinbar sein sollen.

Niemand sollte mehr als einen Karriereanker haben

Jeder Mensch kann seinen Karriereanker identifizieren und so Orientierung gewinnen. Das gilt auch dann, wenn zwei von ihnen scheinbar gleichwertig ausgeprägt sind. Zum Beispiel bei fachlich spezialisierten Freiberuflern; Managern, die größtmögliche Herausforderungen suchen; oder Wissenschaftler, bei denen sogar noch mehr als zwei Karriereanker möglich sind. Und das gilt, wenn Menschen mit solchen Überlappungen nach neuen beruflichen Zielen suchen. Gerade in diesen Konstellationen kann es wichtig sein, seinen wahren Karriereanker zu kennen. Tatsächlich sollte es bei Menschen mit mehrjähriger Berufserfahrung und passabler Reflexionsfähigkeit nur einen einzigen geben.

Edgar Schein hat sich aber auch in anderen Bereichen einen Namen gemacht. Ohne ihn würden wir jedenfalls nicht so selbstverständlich über Unternehmenskulturen denken und sprechen. Hierbei geht es um die Traditionen, Werte, Regeln, Glaubenssätze und Haltungen, die die Mehrheit der jeweiligen Organisation (Unternehmen, öffentliche Arbeitgeber etc.) zusammenhält. Sie können sich über einen längeren Zeitraum verfestigt haben, mitunter von oben eingefordert werden und sind oft nur schwer zu überwinden. Schein differenzierte Kultur nach diesen drei Ebenen:

  1. Die sichtbaren Verhaltensweisen sind das, was Beschäftigte unmittelbar voneinander wahrnehmen.
  2. Die Gefühlsebene bezieht sich auf Einstellungen, die das Verhalten von Mitarbeitern bestimmen.
  3. Die Grundannahmen gelten als selbstverständlich und werden nicht (mehr) hinterfragt wird.

Eine Unternehmenskultur zeigt sich kaum von außen

Es werden also unterschiedliche Ebenen berührt, die teilweise mit dem Eisberg-Modell der Kommunikation vergleichbar sind. Übersetzt bedeutet Scheins Ansatz: Schaut hin, bevor ihr euch bindet und nehmt das, was gut zu euch passen könnte. Aber denkt nicht, dass uns das vor Fehlentscheidung bewahrt. Denn manche Dinge lernen wir erst dann wirklich kennen, wenn wir Teil der Organisation geworden sind und ihre Kultur unmittelbar erfahren. Und alles Positive, was wir dazu vor in Stellenanzeigen und top-designten Unternehmenswebseiten finden, ist oft nicht mehr als sogenanntes Employer Branding, also unverlässliche Eigenwerbung des Unternehmens.

Kenne Dich selbst und finde die berufliche Umgebung, in der Du Dich wohlfühlst! Das ist alles andere als banal und macht den bleibenden Verdienst von Edgar Schein so besonders.

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