Damit Video-Vorstellungsgespräche gelingen

In der Corona-Krise sind Video-Vorstellungsgespräche eher der Regelfall als eine Ausnahme. Wir sollten uns darauf einstellen, dass sie auch danach häufiger als zuvor genutzt werden.

Not macht bekanntlich erfinderisch – oder ermöglicht bereits vorhandenen Entwicklungen den Durchbruch. Video-Vorstellungsgespräche stellen sicherlich keinen wesentlichen Fortschritt dar, auch wenn sie sich in den letzten Wochen zum Standard-Tool in Bewerbungsverfahren gemausert haben. Aber sie werden nicht wieder so bedeutungslos wie vor Covid-19, da sich immer mehr Arbeitgeber – wenn auch notgedrungen – gerade an sie gewöhnen. Außerdem können sie Kosten- und Zeitvorteile bedeuten, selbst wenn dabei so einiges an beidseitigem Erkenntnisgewinn auf der Strecke bleibt.

Auf die Bewerberschar kommt also so einiges zu. Allein schon technisch, denn nicht jede Person verfügt über die entsprechende Hardware, in aller Regel ein Laptop mit einer zumindest halbwegs leistungsfähigen Kamera. Denn auch wenn in niedrigschwelligen Beschäftigungsbereichen ein telefonisches Vorstellungsgespräch inhaltlich vielleicht ausreichend sein könnte, ist ein optischer Eindruck durchaus vertrauensfördernd. Denn welcher seriöse Arbeitgeber wird einen Arbeitsvertrag vergeben, ohne den Bewerber vorher nicht wenigstens einmal auch tatsächlich gesehen zu haben?

Investitionen können sich langfristig auszahlen

Aber auch diejenigen, die sich jetzt auf der sicheren Seite wähnen, sollten kritisch prüfen, ob sie die technischen Voraussetzungen für Video-Vorstellungsgespräche auch tatsächlich erfüllen. Viele eingebaute Webcams sind nur von begrenzter Qualität. Sie produzieren Bilder, die so rein gar nichts mit Full HD gemein haben. Und je besser das Bild, desto wirksamer können Bewerber auf der emotionalen Beziehungsebene punkten.

Dabei liegt es mir fern, Sie zur technischen Aufrüstung zu bewegen und einen finanziell belastenden Arbeitnehmer-Überbietungswettkampf herbeizureden. Nichtsdestotrotz können sich ein paar Investitionen durchaus bezahlt machen, da einerseits mitunter Kleinigkeiten in Bewerbungsverfahren den Unterschied machen können, andererseits virtuelle Konferenzen und Teammeetings in Zukunft deutlich häufiger auf der Agenda vieler Berufsbereiche geraten werden.

Was Sie bei Webcams beachten sollten

Und ein paar Kleinigkeiten reichen oft schon aus, um von sich ein besseres Bild zu machen. Das beginnt schon mit der richtigen Perspektive. Achten Sie bitte darauf, dass die Laptopoberseite im 90-Grad-Winkel zum Tisch steht. So vermeiden Sie den Blick von oben herab und die Darstellung Ihrer Zimmerdecke. Bauen Sie notfalls mit Büchern ein kleines Podest, um die Webcam auf Nasenhöhe zu bekommen (siehe Abbildung).

Die technische Ideallösung ist sicherlich eine externe 4k-Webcam, deren Kauf sich aber für Bewerber mit wenigen Video-Vorstellungsgesprächen nicht rentiert. Alternativ können auch Smartphones als Webcams eingesetzt werden, wozu Sie eine App für das Telefon und eine Client-Software für Ihren Rechner benötigen. Leider sind die verfügbaren Apps weder besonders leistungsfähig noch zuverlässig, außerdem machen die Telefon-Akkus sehr schnell schlapp, da der Energieverbrauch enorm ist. Sollten Sie sich dennoch dafür entscheiden, Ihr Smartphone als Webcam einzusetzen, könnte ein Stativ sehr hilfreich sein.

Vorher alles gründlich testen

Aufgrund eigener Erfahrungen empfehle ich, alles vorher mehrfach gründlich zu testen. So können Sie Ihre Sitzposition korrigieren – achten Sie auf den Bildhintergrund und meiden Sie es, sich vor Fenstern zu platzieren – und die Raumbeleuchtung prüfen, da gerade preiswerte Webcams in dunklen Räumen eine besonders schlechte Bildqualität liefern. Auch die Mikrofon-Qualität sollte vorab dringend getestet werden, um zum Beispiel irritierende Rückkoppelungen zu vermeiden.

In der zeitlichen Planung sollten Sie berücksichtigen, dass es zu bestimmten Tageszeiten zu einer erhöhten Auslastung des Internets kommen kann. Das liegt an Ihrem Anbieter liegt und können Sie selbst kaum beeinflussen. Auch mehrere W-LAN-Nutzer gleichzeitig – in der Regel andere Haushaltsangehörige – können Verbindungsprobleme verursachen. Dann kann eine schon bestens getestete Lösung plötzlich kollabieren. Daher empfehle ich, Video-Vorstellungsgespräche nicht abends durchzuführen und den Arbeitgeber in einem solchen Fall um einen anderen Termin zu bitten.

Wenn Ihre Kinder hineinplatzen sollten

Soweit es möglich ist und in Ihrer Macht steht, stellen Sie alle potentiellen Stör- und Lärmquellen ab. Während Sie sich mit Geräuschen von Baustellen oder Nachbarn wohl abfinden müssen, sollten insbesondere Telefone auf Vibrationsalarm gestellt werden. Ganz aus ist nicht ratsam, falls der Arbeitgeber Sie aufgrund technischer Probleme telefonisch erreichen möchte.

Sicherlich haben die meisten Arbeitgeber in diesen Zeiten Verständnis oder können sogar Sympathie aufbringen, wenn plötzlich Ihre Kinder in ein Gespräch hineinplatzen – daher sollte Ihnen das nicht unangenehm sein. Bleiben Sie in einem Moment also entspannt und positiv. Allerdings kann die Sympathie für Ihre Familie aber wieder schnell verfliegen, wenn Sie von Ihren Kindern in ein Gespräch verwickelt werden oder wenn sie für einen längeren Zeitraum im Mittelpunkt stehen wollen.

Achten Sie besonders auf Ihre Körpersprache

In den Gesprächen selbst sollten Sie darauf achten, in die Kamera zu schauen, wenn Sie sprechen – viele Menschen schauen instinktiv auf den Monitor, also immer am Gesprächspartner vorbei, wodurch sie nicht so viel Nähe – gleichbedeutend mit Authentizität, Vertrauen und Glaubwürdigkeit – aufbauen. Bezüglich der Körperhaltung empfehle ich, den Oberkörper aufrecht (Vorsicht: manche Stühle verleiten zum Gegenteil) und den Kopf gerade zu halten, während Sie die Schultern etwas zurücknehmen sollten. Stehen und sitzen ist gleichermaßen in Ordnung, beides bietet Vor- und Nachteile.

Außerdem möchte ich daran erinnern, dass Menschen mit ihrer Körpersprache viel stärker als mit Worten wirken. In Video-Gesprächen ist die Wahrnehmung der Körpersprache aufgrund der mäßigen Bildqualität stark eingeschränkt. Gehen Sie also bei Gestik und Mimik in positiver Hinsicht noch mehr aus sich heraus als sonst. Und noch etwas beeinträchtigt die Potentiale unserer Körpersprache: Je schlechter die Übertragungsqualität, desto stärker müssen Sie sich auf das Gesagte konzentrieren. Je konzentrierter Sie sind, desto angespannter schauen Sie. Und je mehr Anspannung, desto weniger lächeln Sie. Zwingen Sie sich also natürlich zu lächeln – selbst wenn Ihnen dieser Widerspruch seltsam vorkommen mag.

Inhaltliche Vorbereitung wie bei einem normalen Vorstellungsgespräch

Ansonsten sind Video-Vorstellungsgespräche nicht grundlegend anders. Es gelten die gleichen Vorbereitungsregeln wie vor „normalen“ Vorstellungsgesprächen. Das heißt, dass Sie sich nach wie vor eingehend über den Arbeitgeber informieren, sich die für die Stelle relevanten Kenntnisse aneignen und ihre Selbstpräsentation planen und üben sollten. Auch die Vorbereitung auf anspruchsvolle, unangenehme und potentiell stressauslösende Fragen sollte auf Ihrer To-Do-Liste stehen.

Und wenn Sie der Arbeitgeber mit einer Frage doch einmal auf dem falschen Fuß erwischen sollte, bieten Videogespräche einen unschlagbaren Vorteil, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen: „Die Verbindung war gerade nicht gut, ich habe Sie kaum verstanden. Können Sie die Frage bitte wiederholen?“

Ich empfehle allerdings, diesen Trick nur einmal pro Gespräch anzuwenden.

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